Bauen

Büwart

[Bautechnik]

In diesem Abschnitt möchte ich zunächst auf die grundsätzliche Bautechnik des Blockbaus eingehen, dann aber auf einige Spezialitäten der Walliser Bautechnik (Felsverankerung beim Wasserleitungsbau oder die Mäuseplatten beim Stadel- und Speicherbau) zu sprechen kommen.

Hausbau

Sowohl Wohn- wie auch Nutzgebäude wurden mit Ausnahme der Alphütten und des Val d'Illiez als Einzweckhäuser zum grössten Teil aus Holz gebaut. (Nur Repräsentationsbauten wie Kirchen, Kapellen oder Wohnhäuser reicher und mächtiger Familien, z.B. in den Burgschaften von Brig, Visp, Leuk oder Splügen wurden aus Stein gebaut. Vgl. Flückiger-Seiler, Roland: Die Bauernhäuser des Kanton Wallis. Bd 2, Das Wohnhaus in Steinbauweise und die Vielzweckhäuser (Val d'Illiez), Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde, Basel 2000).

Da in den seltensten Fällen das Haus einem einzigen Eigentümer gehörte, war der Bau in der Regel eine Gemeinschafts- oder Genossenschaftsarbeit. Der Bauherr besorgte sich in seiner Nachbarschaft die notwendigen Spezialisten und man begann, die Arbeiten zu planen. Im nahen Wald musste das notwendige Bauholz (meist Lärchen) geschlagen werden (Der Holzschlag musste vom Förster bewilligt werden und stammte aus dem eigenen Walde oder wurde als Burgerholz von der Burgerschaft zur Verfügung gestellt) und die Balken zugesägt bzw. zugehauen werden. Zunächst wurde diese Arbeit mit dem Zimmermannsbeil ausgeführt, dann wurden die Balken von Hand (Spaltsäge), später auf der mit Wasser betriebenen Genossenschaftssäge zurechtgeschnitten. Mit den Balken für Wände und Dach wurden auch die Bretter für Böden und Decken gesägt. Das Holz wurde dann in der Nähe der zukünftigen Baustelle gelagert und musste mindestens ein halbes Jahr trocknen, bis es weiterverarbeitet werden konnte. Gleichzeitig wurde das übrige Baumaterial bereitgestellt: ein speziell grosser lärchener Balken für die First, Steine für das Fundament und den Küchenteil (Fiirhüs: aus Sicherheitsgründen wurde an vielen Orten der Küchentrakt aus Steinen gemauert; und da ja die Wohnhäuser meist im Stockwerkeigentum errichtet wurden, zieht sich dieser Mauerteil sehr oft bis zum Dach hoch), Steinplatten oder Schindeln zum Decken des Dachs. Schon jetzt wurde beim Dorfschreiner der Auftrag für Türen, Fenster und Möbel gegeben und dabei auch schon das notwendige Material (Holz) herbeigeschafft.

War nun das Material bereit und das Holz trocken, konnte mit dem eigentlichen Bau begonnen werden. Zuerst wurde eine Baugrube gegraben oder aus dem Felsen herausgehauen, denn der Keller musste "unter Land" (d.h. unter der Erdoberfläche) sein, damit er auch im Sommer die richtige Temperatur und Feuchtigkeit hatte, die notwendig war, um so vielartige Lebensmittel wie Käse, Trockenfleisch, Kartoffeln, Eingemachtes etc. zu lagern. Die Kellerhöhe beim Wohnhaus und sehr oft der Stall bei der Stallscheune wurden aus Stein errichtet. Erst ab dieser Ebene (1. Wohnfläche) wurde im Blockbau mit Holz weitergebaut.

Der Blockbau wurde im Strickbauverfahren erstellt, d.h. die einzelnen Balken wurden in einer verkämmten Kreuzung der Wandbalken aufeinander geschichtet. Diese Überkreuzungen nennt man "Gwätt" (von. wetten = verbinden) und sind bis heute ein typisches Merkmal des alpinen Blockbaus.

Beim Hausbau hatten unsere Ahnen mit zwei besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Die eine war der Satz (von setzen). Holz ist ein recht lebendiges Baumaterial und so bewegt es sich nach dem Einbau noch während Jahren. Wer in einem Holzhaus gelebt hat, weiss, wie die Balken über Jahrzehnte knacken, stöhnen und ächzen. Es bewegt sich nicht nur (verbiegt sich, reisst), es schrumpft vor allem, und zwar im Umfang der Balken und weniger in ihrer Länge. Und dies nennen wir den Satz. Damit dieser Satz sich nicht allzu sehr auswirken konnte, mussten vertikale Elemente möglichst klein gehalten werden und dies ist vor allem ein Grund für die sehr kleinen Fenster der alten Walserhäuser. Damit trotzdem genügend Licht einfallen konnte, wurden immer ganze Fensterzeilen errichtet. Diese Fensterreihen wurden mit verschiedenen Friesen verziert (an diesen Friesen lässt sich oft das Alter des Gebäudes ablesen: Kamm-, 15. Jh.; Rinnen-, 16. Jh.; Rillen-, 16./17. Jh.; Würfel- 17. Jh.; Wolfszahnfries 17. und 18. Jh.; Rauten-, 18. Jh.; Rundstab-, 18. Jh.; Ranken-, 19.Jh.; Wellenfries, 19. Jh./ vgl. Ruppen, Walter: Die Kunstdenkmäler des Kanton Wallis. Bd. I: Das Goms, Birkhäuser Verlag, Basel 1976). Diese kleinen Fenster vermochten nach der Mitte des letzten Jahrhunderts den Bedürfnissen ihrer Bewohner nicht mehr zu genügen. Deshalb wurden sie fast ausnahmslos vergrössert. Dabei wurden leider sehr viele dieser wunderschönen Friese zerschnitten (vgl. Bild).

Die zweite Schwierigkeit war die Konstruktion des Giebels für das Satteldach. Der Giebel wurde auf den Stirnseiten auf die letzte Lage des Blockbaus aufgeschichtet und hatte die mächtige First zu tragen, die ihrerseits wieder die übrige Dachkonstruktion trug. Zunächst wurde die First auf einen aufrechten Balken gesetzt, der seinerseits auf der Seite mit schrägen Balken verstrebt wurde. Diese Art von Giebel wurde der Heidengiebel genannt (uralte Häuser, die scheinbar noch zur Heidenzeit, vor der Christianisierung erbaut wurden). Eine Volksmeinung, die eindeutig falsch ist, stammen doch die ältesten, heute noch bestehenden Holzhäuser aus dem 15. Jh. (Mühlebach, CH/VS). Aber dennoch lässt sich bis heute an diesem Giebel erkennen, dass es sich  mindestens um ein 400 - 500-jähriges Gebäude handelt. Später wurde die Giebelbautechnik verbessert, indem man für die First ein eigenes "Gwätt" einstrickte; zusätzlich wurden auch die Nebenfirsten mit dem übrigen Baukorpus verstrickt.

Quelle:
  • Schmid Volmar. Gebäude. Wir-Walser, Brig, 2002
  • Weitere Informationen: Egloff, Wilhelm und Annemarie Egloff-Bodmer. Die Bauernhäuser des Kanton Wallis. Bd. I: Das Land. Der Holzbau, das Wohnhaus. Hrsg. "Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde", Basel, 1987.

Felsanker

Die technisch wohl bedeutenste Meisterleistung der Walliser ist die Methode, tragfähige Felsanker in steile bis senkrechte Felswände zu setzen. Da das Wallis seit Urzeiten über ein sehr trockenes Klima verfügt, waren seine Bewohner seit jeher darauf angewiesen, ihre Wiesen zu bewässern. Das Wasser musste sehr oft von weit her aus den Bächen der Seitentäler der Rhone über steile Felswände auf den fruchtbaren Boden geführt werden. Solche Wasserleiten oder Wasserfuhren nennen wir auch Suonen (Heilige Wasser) / (vgl. http://www.vsch-khe.de/). Über die Suonen und das Prinzip des  Bewässerns soll an einer anderen Stelle ausführlich berichtet werden. Hier geht es um die Technik der Verankerung solcher Wasserfuhren an steilen Felswänden.  An Seilen wurde ein Freiwilliger (oder durch das Los Bestimmter) an die notwendige Stelle abgeseilt. Hier musste er zuerst ein Loch in den Felsen hauen, dann in dieses Loch einen Balken verkeilen, in den der Tragbalken eingefügt wurde. Dieses musste alle vier bis fünf Meter wiederholt werden. Nun konnten die Holzkännel in die vorgesehene Halterung gelegt werden und das Wasser konnte fliessen. Die Kännel wurden zusätzlich mit Holzbrettern abgedeckt, so dass die Leitung zusätzlich für Unterhaltsarbeiten als Fusspfad begangen werden konnte. Sehr oft wurden diese Kännel durch Steinschlag oder Lawinen zerstört. Dann musste die Dorfgemeinschaft ausrücken und den Kännel reparieren (Jakob Christoph Heer. An den heiligen Wassern. Er hat diesem Thema 1910 einen seiner Unterhaltungsromane gewidmet). Mit Sicherheit beherrschten die Walliser bei der beginnenden Walserwanderung diese Technik schon, und es waren die Walliser/Walser, die um 1250 mit dem sogenannten "Stiebenden Steg" die senkrechten Wände der Schöllenenschlucht überwanden und damit den Übergang über den Gotthard als durchgehende Nord-Süd-Verbindung erst ermöglichten. (vgl. http://www.geschichte-schweiz.ch/alte-eidgenossenschaft-1291.html)

Mäuseplatten

Ein interessantes bauliches Merkmal, dass sich in dieser Form fast nur bei den Walsern findet, ist die markante Mäuseplatte an Stadeln und Speichern. Um im Stadel das Korn und in den Speichern die Vorräte vor Mäusen und Ratten zu schützen, wurde eine effiziente Technik entwickelt.  Auf einem Unterbau aus Stein wurde ein kräftiger Holzrahmen (Blockrahmen) gelegt und in diesen wurde an den Ecken, bei grösseren Stadeln oder Speichern auch in der Mitte, ein senkrechter, sich nach oben verjüngender Pfosten eingefügt; auf diesen Pfosten legte man eine Steinplatte und darauf legte man die Basislage des im Blockbau konstruierten Gebäudes.  Die Steinplatten waren aus Schiefer oder Granit und ihre Flächen waren so glatt behauen, dass sich Mäuse und Ratten an ihrer Unterseite nicht festklammern konnten. Sie waren damit ein unüberwindbares Hindernis. Diese Steinplatten sind heute eines der Wahrzeichen der alpinen Baukultur des Wallis und bei den Walsern.

Quellen:
  • Schmid Volmar. Gebäude. Wir-Walser, Brig, 2002
Volmar Schmid, 4. 6. 2007
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