Schafzucht

Gläcktag, Läcktag

[Kraftfuttertag]

Im Sommer wurden die Schafe auf die Alpe getrieben, wo sie teilweise sich selbst überlassen wurden; trotzdem besuchten die Schäfer ihre Schafe von Zeit zu Zeit und brachten îhnen Kraftfutter - Gläck (Salz und Getreide). An diesem Gläcktag trafen sich die Schäfer und meisten kam es zu einem gemütlichen Plausch, aus dem mit der Zeit richtige Volksfeste entstanden (vgl. Schäferfest auf der Gemmi oder auf der Belalp).

Geben wir hier nun Herr Kronig das Wort; er erzählt uns sein Erlebnis eines Gläcktages im Oberen Nesselta (Simplon, CH):

Läcktag, Gläcktag im Obernessel

Einmal im Monat sammelte der Hirte, mit Hilfe einiger Freiwilligen die Schafe im Bereich des Glishorns, am Ort genannt «Schteifäricha». Von dort wurden die Schafe dann am folgenden Sonntag zu den Färrichen im Obernesseltal für den Läcktag herunter getrieben. Die Läcktage waren für uns Buben richtige Erlebnisse. Bereits am Vortag kam der Vater auf die Alpe. Er brachte jedes Mal etwas Feines in seinem Rucksack mit: ein geformtes Weissbrot, ein paar Früchte oder ähnliches mehr. Der Läcktag war auch regelmässiger «Waschtag» für uns Buben und Gelegenheit, bessere Kleider - das «Sonntagsgewand» anzuziehen.

Früh, am Sonntagmorgen trafen die Schafbesitzer aus Glis, Gamsen und Umgebung im Nesseltal ein. Ein Stoffsack mit Gläck, sowie ein wenig Proviant für den Tag, füllten den Rucksack. Kaum angekommen, wurde verpflegt. Zum Trinken holte man kalte oder gewärmte Alpmilch bei den Älplern. DieMilch liess man sich schenken oder bezahlte ein paar Batzen. Für uns immer ein willkommener Zustupf in die recht karg bestückte Kasse. Der Läcktag begann jeweils mit der hl. Messe. Diese wurde meistens von einem Chorherrn, der vom Simplon-Hospiz kam, gefeiert.

Vor der Messe war Gelegenheit zur Beichte. Diese wurde in einer Alphütte «abgenommen». Ich kann mich erinnern, dass wir Buben, während der Beichte der Mädchen, im Stall der Hütte mitzuhören versuchten, was da so an Sünden angefallen war. Viel war es nicht. Eine Kuh geschlagen, gestritten, gelogen und nicht immer aufs Wort gehorcht. Keine weltbewegenden Dinge, denn «auf der Alp da gibt es ja bekanntlich keine Sünd». Beim Zuhören kamen wir uns ein wenig verrucht vor. Eingestehen mochte das aber niemand. Die Sonntagsmesse gehörte damals zum festen Bestandteil unseres Lebens. Um die messelose Zeit zwischen den Läcktagen zu überbrücken, wanderten wir auch mal über das «Gälumji» zum Simplon-Hospiz zur Messe, was einen Marsch von immerhin 3-4 Stunden bedeutete. Ich kann mich erinnern, dass wir bei einem solchen Gang auch mal eine Kuh mitführten, um diese nach der Messe zum Stier zu führen. Es fehlte in diesem Sommer ein Stier im Obernesseltal.

Damals stand noch keine Kapelle auf der Alpe. Die Messe wurde deshalb im Freien vor dem Holzkreuz bei Grossvaters Alphütte gelesen. Das Holzkreuz wurde für diese Gelegenheit mit Girlanden und Alpblumen geschmückt. War das Wetter allzu schlecht, wurde auch in einer Alphütte die Messe gehalten.

Mit dem Ende der Messe begann der Abtrieb der Schafe vom Glishorn nach dem Obernesseltal. Ein beeindruckendes Bild! Die grosse Herde wälzte sich wie eine Lawine den gegenüberliegenden Berghang hinunter. In das Blöken der Schafe und das Glockengeläut mischten sich die Rufe des Hirten und der Treiber. Gelegentlich brach sich auch ein übermütiger Jauchzer in den Felsen. Geduldig warteten unterdessen die Schäfer bei den Färricha auf das Eintreffen der Schafe und versuchten in der näher kommenden Herde bereits das eine oder andere Tier zu erkennen. Einmal im Höüptfärrich zusammengetrieben, ging das Einsammeln der Tiere los. Getragen oder gezogen wurden die Tiere in die Familienfärricha verbracht, wo in den Holzkänneln, den Niescha (Niesch), das von den Tieren heissbegehrte Gläck ausgestreut war.

Besondere Aufmerksamkeit verlangten die im Berg geworfenen Lämmer. Bereits beim Einlauf in den Gemeinschaftsfärrich mussten diese, wenn immer möglich, registriert werden. War dies nicht möglich, wurde das Muttertier wieder aus dem Familifärrich entlassen um selber seine Nachkommenschaft zu suchen. Diese wurde dann fachkundig gekennzeichnet, mit einem Farbtupfer, einer Oorimargga, Ohrenmarke oder einer Tässla, Tessel.

Bald einmal blieben im Hauptfärrich nur noch wenige Tiere zurück. Solche, deren Besitzer aus irgendeinem Grund nicht kommen konnten oder dann auch aus andern Schafalpen zugelaufene Tiere. War das Gläck aufgebraucht, führte jeder Schäfer seine Tiere zum nahe gelegenen Bach zur Tränke. Es oblag dann dem Hirten, die Tiere von den Alpweiden fernzuhalten und wieder auf den Weg zum Glishorn zu bringen. Dies war nicht immer eine leichte Aufgabe, besonders bei schlechtem Wetter.

Die Schäfer labten sich anschliessend nochmals an Speise und Trank, bevor sie sich auf den Weg ins Tal machten. Unser Vater brach oft schon recht früh auf, weil Arbeit auf ihn wartete. Still wurde es dann wieder auf der Alpe. Von unserer Hütte aus konnten wir die ins Tal absteigenden Schäfer noch eine Zeitlang beobachten. Unser Vater machte etwa auf dem «Birchlowwigrabuegg» oder nach der «Ahoruschlüöcht» noch mal halt, um zurückzublicken und zu winken. Die aufkommende Wehmut machte aber bald einmal wieder dem Alpalltag Platz.

Rudolf Kronig: Vorbei – doch unvergessen. Selbstversorgung und Nomadentum am Beispiel einer Gliser Bauernfamilie. Hrsg. Pro Historia Glis, Postfach 211, 3902, Brig, 2009.

Der Oberwalliser Komponist Ewald Muther hat diesem Thema sogar ein Jodellied gewidmet. (vgl. Schäferlied). In der dritten Strophe sehen wir ganz genau, dass so ein Läcktag mehr ein gesellschaftlicher Anlass, denn eine Tier halterische Notwendigkeit war.

Lüog wie d Schaaf um d Niescha trenggunt. Ja, das Gläckji ischt halt güots.

Aber öü ver menge Schäfer, ischt der Durscht bald grosse gnüeg

Lied ansehen.

VS. 18. 08. 2010
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