Viehzucht

Fehchörper

[Viehkörper]

Der Bauer hat sein Urteil über vorteilhafte und minderwertige Körperformen und Körpereigenschaften nicht an Hand einer Punktierkarte gebildet. Jahrelanger Umgang und Erfahrung mit den Tieren haben seinen Blick so geschult, daß er die Beschaffenheit jedes Körperteils im Hinblick auf die geforderte Funktion kundig einzuschätzen weiß.

Quelle:
  • Rübel, S. 15 - 22
VS, 25. 2. 12

Grint [Der Kopf]

  1. Der verletzbarste Teil des Tieres ist das Genick Gnick, die ihrer Form nach auch als kleine Grube Grüebji oder kleines Loch,  Toli, bezeichnete Stelle unmittelbar hinter dem Kopf.
  2.  
  3. Die Hörner Heerner,  Hooru werden den Kühen zur Zierde gerechnet. Am liebsten sieht man leicht nach außen stehende und dann hübsch aufwärts geschwungene Gabelhörner,  Gabilhooru. Der Eigenname Gäbil bedeutet deshalb eine Auszeichnung für eine Kuh. Stehen die Hörner senkrecht in die Höhe, so bekommt das Tier den Namen Teufel Tiifil oder Stutzer, Stutzer, streben sie nach auswärts, so nennt man das Tier Bohrer, Näpper oder Spiess, Spiess; führen sie gerade nach vorn, so wird die Kuh etwa Jäger, Jeger getauft. Hirz, Hirz heißt ein Tier mit nach hinten gekrümmten Hörnern. Noch abstossender werden tierabhangende Hängehörner, Hanghooru oder plumpe, grobe Stierhörner, Stierhooru empfunden. Hat eine Kuh ein Horn abgeschlagen, apgriert, so wird sie zum Einhorn, Eihoori. Das Mark, Maarg in dem zurückbleibenden Knochenzapfen Stumpen, Stumpo, Schluecht, Schlüecht  darf nicht verletzt werden, sonst bekommt das Tier Epilepsie Fallu. Ein Tier, das keine oder nur ganz gering ausgebildete Hörner hat, heißt Mutte, Mutta, Muttler, Muttler oder Mutz, Mutz.
  4. Manchen Kühen wächst ein Haarbüschel, Strubil zwischen den Hörnern.
  5. Darunter liegt die Stirne Stirna.
  6. Das Ohr, Oori, dient als Krankheitsbarometer. Fasst es sich kalt an, so soll das ein sicheres Zeichen sein, dass die Kuh Fieber hat.
  7. Das Auge, Öügg soll voll und lebhaft, rösch, resch sein und durch seinen Ausdruck den gewünschten Charakter des Tieres spiegeln. Eitrige Ränder lassen auf Lungenkrankheit schließen.
  8. Unter der Nase, Nasa mit den Nasenlöchern Nasulecher, Nasuloch liegt das Maul, wofür die höflichste, aber ungebräuchlichste Bezeichnung Müll lautet. Die geläufigen Ausdrücke sind Gefräss, Gfräss  und Geläff, Gläff. Ein grob abschätziger Klang haftet an den Wörtern Schurre, Schnura und Grense, Greischa. Das Innere des Maules, das Gebiss und die Knochenteile, spricht man als Sage, Saaga , Breche, Brächa an. Für das vordere weiche Lippenstück, die Lespe, Läschpa, das man beim Schlachten abschneidet, reinigt, brüht und dann als Salat isst, treten noch folgende Bezeichnungen auf: Maulere, Müülerra, Schürfile, Schnirrfilla, Geläferne, Gläferna.
  9. Die Seitenpartie vom Maul bis zti den Ohren ist die Wange, Wanga.
  10. Zusammenfassend bezeichnet ein Bauer aus Bürchen als ideale Eigenschaften eines Kuhkopfes die folgenden: einen kurzen Kopf an churze Grint, schlanke Hörner liechti Hooru, volle Augen, folli öügu und ein grosses, breites Maul,  as grooss breits Gläff. Letzteres ist besonders wichtig, denn „ein breites Maul frisst alle“ as breits Gläff frisst alls, wogegen „ein spitzes Maul“ an spitzi Schnura darauf schließen läßt, daß das Tier wählerisch, alwert, allwärts; verscheizt, verscheissts, visierlich, visierlich, hoffärtig, hoffäärtigs, müelig, mielichs im Fressen ist.

Quelle: Hans Ulrich Rübel: Viehzucht im Oberwallis, Huber, Frauenfeld, 1950

Der vorder Viertil [Die vordere Körperpartie]

  1. Der Hals Hals beim Stier Nacken Nacko genannt, kann oben verdickt sein und eine Haube Hüübu bilden. Unten soll er
  2. in eine große, schön herabhängende Wamme Lämpo ausmünden. Unter der Wamme liegt der Brustkern Bruschtchääro der fettgefüllte Teil der Brust. Ist die Brust breit, so stehen die Rippen  Rippini, Rippi weit auseinander, was als gutes Milchzeichen gewertet wird. Umgekehrt sollen
  3. die Schultern Laffa, Spaala nicht zu weit voneinander abstehen, ansonst man von der Kuh sagt, sie stehe entlaffti und glaubt darin zum mindesten ein Müdigkeitszeichen, wenn nicht eine Alterserscheinung zu erkennen.

Rigg [Der Rücken]

  1. Das vordere Kreuz ds vorder Chritz erhält häufig die vom Pferde- oder Maultierkörper übernommene Bezeichnung Widerrist Widerrischt, Rischt oder Vorrrischt. Ein hoher Rist as het Vorrrischt, wie bei den Pferden, ist nicht beliebt. Tiere mit niederem Rist sollen sich viel besser mästen lassen.
  2. Das eigentliche Kreuz Chriitz  nur im Gegensatz zum vorderen Kreuz als hinteres Kreuz ds hinner Chriitz  bezeichnet. Als besonders gutes Milchzeichen gilt der sogenannte Geiß- oder Hennentritt Geiss- oder Hännutritt  eine Art Muttermal auf dem Kreuz. Die ganze Rückenpartie überblickend, ist dem Bauer das wichtigste „ein grader Rücken und ein breites Kreuz“,  an grade Rigg und ass breits Chriitz.

 

Die hintere Körperpartie

Hinter dem Kreuz liegt das Brett, Brätt. Kreuz und Brett werden zusammen Kruppe Kruppi genannt.

  1. Beidseitig des Kreuzes erkennt man bei mageren Kühen deutlich die Hüftknochen Hufbei, Chriitzbei. Unmittelbar davor liegen
  2. die Hungergruben Hungertole. Die von hinten gesehen rechts liegende Grube, das 'Saufloch' Lafftola, ist etwas grösser als die linke Vertiefung, das ‚Fressloch‘, Frässtola. Will man bei einer trächtigen Kuli ermitteln, ob das Kalb spürbar sei, so drückt man in die rechte Hungergrube.
  3. Die beiden Ausdrücke für den Oberschenkel, 'Lid' Lit und `Backe' Paggo, werden teilweise nebeneinander gebraucht,  oft aber ist ihre Anwendung so, dass Lide die Schenkel des Kleinviehs, Pagge diejenigen des Großviehs bedeuten.
VS, 27.2.12

Büüch [Der Bauch]

Der Bauch wird meist mit dem von einzelnen Gewährspersonen allerdings als grob empfundenen Ausdruck ,Budel', Bidil bezeichnet, etwas seltener mit den auch nicht höflicheren Termini ‚Ranzen‘,  Ranzo oder ‚Male,  Mala.

 

Gangwäärch [Schwanz und Gliedmassen]

Die Kruppe mündet in den Schwanz aus, der die Rückenlinie möglichst ebenmäßig abschließen soll.

 

  1. Die Schwanzwurzel: Schwanzbei, Schwanzasatz, Schwanzriepa, Schwanzstuck, Schwanzfädera, Schwanzchamma, darf also weder hoch angesetzt, ‚hochrüpnoch‘ hoochriepi, noch tiefliegend, ‚eingeschlagen‘ igschlagni  sein.
  2. Das knorplige Ende des Schwanzes, ‚Rübe‘, Riepa ist mit einem Haarbüschel,  Schwanzpuschil, behangen und soll tief herabbaumeln, weil ein langer Schwanz im Ruf eines guten Milchzeichens steht.
  3. Der Fuß,  Tschaago, Tschebil,  wird am vorderen Bein am Vordertschaago, Vordertschebil , vom
  4. Karpalgelenk, dem ‚Knie‘, Chneww bis zu den Klauen, am hinteren Bein am Hinnertschaago, Hinnertschebil  vom Sprunggelenk bis zu den Klauen gerechnet.
  5. Im Sprunggelenk Haxa, kann die Kuh das Bein nicht biegen, gleichu.  Deshalb lässt sie sich beim Abliegen zuerst vorne und dann hinten nieder.
  6. Der dünne Mittelfuß heißt wie das Schienbein des Menschen ts ranisch bei.
  7. Die beiden Hornstrahlen, auf denen der Fuß ruht, werden zusammen als Schüe oder Chlaawo bezeichnet; doch muss unter Umständen auch die Mehrzahl dafür gebraucht werden, und die Einzahl kommt dann nur einer Spitze der Hornklaue zu. So bedeutet eine Klaue als Alprechtsterminus 1/8   Kuhrecht, das heißt es werden acht Klauen an der Kuh gezählt.
  8. Oberhalb der Klaue liegen die kleinen Klauen ds chlei Chüeli, der chlei Chlaawo. Darunter befinden sich Fußwurzelknöchelchen, welche nach dem Schlachten eines Rindes nicht weggeworfen, sondern den Kindern als Spielzeug gegeben werden. Die Kinder versehen ihr Knochenvieh Beichje mit Schwänzen aus Schweinsborsten und nennen ihre Tiere je nach der Größe: Stier, Stieri, Stieggi, Kuh, Chüe,   Kalb,  Chalb,  Chalbji,  Schwein, Schwii, Schwinggi. Das Kind mit: den meisten Knöchelchen nennt sich stolz Chüebeichinig. Im obersten Goms heisst ein Gelenkknöchelchen ,Nusi‘, Nüüsi oder Hiregeiss‘,  Hiregeiss;  damit wird ein dem Hornussen verwandtes Spiel getrieben: hirehüüsinu (vgl. auch Tschärättun im Lötschental).

Üter [Euter]

Das Rind soll an den Schenkeln bis zum Euter hinunter gut mit Fleisch gepolstert, 'gehost' khosets sein, so dass 

  1. das Eutergelenk - Ütergleich nicht sichtbar hervotritt.
  2. Die Gegend zwischen Eutergelenk und Euter wird Weiche - Wiichi oder Griff - Griff genannt. Beim Mastvieh wird an diese Stelle gegriffen, um zu prüfen, ob es schön Fett angesetzt hat.

Das Innere des Euters, in welchem die Milch gesammelt wird, ist der Schwamm - Schwamm.

Man liebt es, wenn das Euter schön gevierteilt gfierts ist. Jedem Vier­tel - Viertil ist eine Zitze, 'Strich' -  Stricht oder Tilen' Tilo zugeordnet. Manchmal wachsen noch einige kleine Zitzen - Chalbertilo, Chalberstrich davor. Hat die Kuhnur drei Zitzen, so wird sie Dreistrich - Driistrich genannt.

Die Zitzenöffnung heißt Tieschji, Tieschloch.

Ein gut geformtes und entwickeltes Euter an güeti Ütergattig und große Venen, 'Milchadern' - Milchaadre an der Unterseite des Bauches spre­chen für eine gute Milchkuh.

Verdauungsorgane und Geschlechtsteile

Der Verdauungskanal beginnt bei der Speiseröhre, 'Weisel' Weisel

 

Die Speiseröhre verläuft über der Luftröhre, 'GurgeI' Gurgil nach ab­wärts und mündet in den Magenvorhof. Die Wiederkäuer sind mit vier Magen ausgestattet

  1. dem Pansen, 'Freßbudel', Frässbidil
  2. der Haube, 'Fenstersaek', Pfeischtersack
  3. dem Blättermagen, 'Leser', Läsi
  4. dem Labmagen, 'Reiden', Reidi

Durch die Speiseröhre gelangt das nur leicht zermalmte Futter in den Pansen und die Haube, wird dort mit Speichel gemischt und als breiartige Masse, `Itaruck' Itricki, zum Wiederkäuen, Widerchewwu, Itricku, in den Mund zurück­befördert. Nach 30-10 Kaubewegungen wird der so zur Verdauung vorbe­reitete Brei in den Blättermagen geschluckt. Von dort wandert er in den Labmagen, der dem einfachen Magen Mago der anderen Säugetiere, z. B. dem Magen des Schweines, entspricht, und endlich gelangt die Masse in die Därme, Därm, Daaro.

Unter dem After der Kuh, dem Ende des Mastdarmes, Maschtdaaro, Schiissdaro, liegt die Scheide Fetsucht, Fetsu. Die Geschlechtsteile des Stieres sind der Hodensack, Sack oder Seckil und die Rute; 'Zännen' Tsänna.

VS, 22.10.12
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