Waldnutzung

Füäter im Wald

[Futter: Waldweide, Futterlaub, Tannenreisig]

Die Zeitzeugen sind sich für das vordere Vispertal absolut einig über die grosse Bedeutung der Waldweide sowohl des Grossviehs als auch der Ziegen und Schafe. Die Ziegen standen vor allem im Besitz derjenigen Familien, "die immer ein bisschen schauen mussten"; "...an bitz miessu lüege". Nur die etwas wohlhabenderen Familien konnten es sich leisten, während der Alpzeit eine Kuh bei sich zu behalten; die Ärmeren waren im Sommer für ihre tägliche Versorgung mit Milch auf die Ziegen angewiesen. Eine gute Geiss gab am Morgen und am Abend je einen Liter, und mit der Milch lebte man einfach. Schafe wurden demgegenüber von fast allen Fami­lien gehalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil man das Fleisch wahnsinnig gern hatte. Zudem gaben sie Wolle für Socken und Pullover oder auch für das Landtüoch, das man in der Walche verfilzt hat.

Gerade im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde verstärkt versucht, die Waldweide mittels forstlicher Regulierung zurückzudrängen. Der Wirtschaftsplan über die Burgerwal­dungen in Stalden hält 1938 fest: Freier Weidgang im Walde ist heute nicht mehr vereinbar mit überlegter Wirtschaftsführung. Das Ausmass der Waldweide nahm aber in dieser Zeit teilweise sogar noch zu. Als Visperterminen seine Bewässerungsanlagen mit dem Bau des Gebidemtunnels ausgebaut hatte, wurde viel mehr Boden als Wiesland benutzt, was die Weideflächen im Offenland reduzierte und den Druck auf den Wald erhöhte: Deshalb wird den ganzen Sommer über im Walde geweidet. Schafe weiden im Frühjahr–Herbst im Walde, die Ziegen im ganzen Sommer, auch ziemlich Rindvieh in der Nähe der Sommeralpen.

Durchtrainiert wie Gämsen

Zahlreiche Gewährsleute berichten über die Tätigkeit der Ziegenhirten, Geisshirt, zu einem guten Teil aus eigener Erfahrung. Die Schulzeit dauerte vom 1. November bis zum 30. April, und schon am 1. Mai galt es Geiss hietu. Jeden Tag mussten zwei Knaben die Ziegen des Dorfs übernehmen, wobei pro Tier ein Hietertag geleistet werden musste. Weil einige Familien keine Hirtenknaben stellten, blieb umsomehr an den anderen hängen. Morgen für Morgen stiegen die Geisshirten mit ihren Ziegen zu den Weideplätzen über der Wald­grenze: Wir waren ja durchtrainiert wie Gämsen. Das ist unglaublich. Von da bis zuoberst im Wald ging ich in knapp einer Stunde 1000 Höhenmeter. Ab und zu wurden die hirteden Knaben von der Schwester begleitet, was bei einer Zeitzeugin in guter Erinnerung geblieben ist: Ich habe das genossen, das war fast ein Ausflug.Oben gab es ein paar Stunden Ruhe, in denen auch etwas Träumen erlaubt war; für Freude sorgte der eingepackte Proviant: Die Familien, die man kannte, machten immer einen guten Rucksack. Am Abend galt es die Ziegen vollzählig heimzubringen zum Melken, worauf man einen Teller Suppe und zwei bis drei Franken als Entschädigung erhielt.

Auf diesem Geiss-Zug, der durch den ganzen Wald bis auf über 2000 m ü. M. führte, hinterliessen die Ziegen deutliche Spuren, da sie sich im Vorbeigehen gerne an den Bäumen gütlich taten.20 Einige Zeitzeugen beurteilen den Weidgang der Ziegen allgemein als schädlich für den Wald, da diese die jungen Böüm fast lieber hatten als das Gras. Besonders gerne frassen sie die Zweige und die Rinde, was die Bäume vertrocknen liess. Zu berück­sichtigen ist dabei die Tatsache, dass die Ziegenweide keineswegs immer behirtet erfolgte. Ein Zeitzeuge berichtet, von den Voralpa seien die Ziegen selbstständig hochgeschickt worden. Ein anderer erinnert sich, wie seine Mutter die Ziegen einfach den Berg hinauf-jagte und er sie dann am Abend zurückholen musste. Auch trieb man die Ziegen gerne in offene Waldschneisen hinein, die durch Lawinen entstanden waren. Der hier aufkommende Jungwuchs und anderes Chrüüt wurden von den Ziegen weitgehend abgeweidet.  Die Waldwirtschaftspläne von Visperterminen (1928) und Staldenried (1932) heben ebenfalls die beeinträchtigte Naturverjüngung wegen Ziegenverbiss hervor. Hinweise auf das be­trächtliche Ausmass der Ziegenweide lassen sich auch in anderen Waldwirlschaftsplänen finden. In Visperterminen schloss man 1928 in 40 Prozent der burgerlichen Wälder den Ziegenweidgang kategorisch aus, betonte aber gleichzeitig: Der Weidgang ist sehr gut geregelt, es herrscht tadellose Ordnung, die Weidetiere bleiben immer zusammen und sind ständig unter Hirtschaft. In Staldenried stellte man 1932 fest, dass die bisherigen Bestimmungen zur Regulierung der Ziegenweide im Wald nicht streng eingehalten wur­den. In Stalden sprach man sich 1938 im Interesse der Burgerwaldungen entschieden gegen die erfolgte Propagierung der Ziegenhaltung aus, soweit diese auch eine vermehrte Beweidung des Waldes nach sich ziehen würde.

Insgesamt erscheint die Regulierung der Ziegenweide als eine Mischung zwischen traditionsgestütztem Laissez-faire, strengem forstlichem Vollzug und gesellschaftlicher Selbstregulierung. Der eine Förster fragte nichts nach und liess alles als Tradition gelten-,  der andere drohte, dem Besitzer einer Ziege, die versehentlich im Bannbezirk weidete: Noch einmal und dann verhaften sie dich! Und ein weiterer Gewährsmann betonte die Selbstregulierung der Bevölkerung unabhängig vom Förster: Vielmals wachte eben das Volk selber über seine Gesetze, indem man sich gegenseitig verriet. 

Die Polizei im Haus

Im Unterschied zur dichten Überlieferungslage bei den Ziegen finden sich bei den Schafen nur verstreute Einzelangaben. In Zeneggen weidete die Schafherde um 1900 hauptsächlich in den trockenen, felsigen und schlecht bestockten Föhrenbeständen, wo der Holzertrag gering war, so dass dieser Weidgang als eine Notwendigkeit für die Gemeinde geduldet wurde. In Visperterminen wird 1928 ausdrücklich festgehalten, dass bei einzelnen Schafen, die im Herbst im Wald angetroffen werden, nicht gegen deren Besitzer vorgegan­gen werden Soll. Im Zenegger Waldwirtschaftsplan von 1929 wurde das Recht festgelegt, einen Treibweg vom Schaffärrich aus zu benutzen. Ein Zeitzeuge erwähnt die Möglichkeit, für die Weide der Schafe im Burgerwald sogenannte Weiderechte zu ersteigern. Ein an­derer erzählt, wie er beim Schafhüten kurz beim Zniini war, als die Schaaf in die Reben eindrangen, und dann war am Abend schon die Polizei im Haus.

Oft in den Wald

Hinter der Waldweide des Grossviehs stand ein akuter Nutzungsdruck. Während heute auf der Moosalpa noch rund 120 bis 130 Kühe gesämmert werden, waren es früher mehr als doppelt so viele: Und dadurch mussten sie oft in den Wald gehen. Beliebte Weideplätze für das Grossvieh waren die Waldlichtungen, auf sehr vielen Flächen ist dort ja gar kein Wald und dann hatten die Chie genug zu fressen. Alpgenossenschaften wie Kreuzalpa oder Ruschbeck besassen Weiderechte für Rindvieh in verschiedenen Waldabteilungen. Gewisse Weiderechte, die an einzelne Waldparzellen gebundenen waren, wurden öffent­lich an die Meistbietenden versteigert, wobei meist die grösseren Viehbesitzer den Zuschlag erhielten. Dabei trieb man die Kühe teilweise nur morgens in den Wald, abends dagegen auf die Weide, sonst wäre die Milchleistung sehr stark zurückgegangen. Allge­mein wird die Grasqualität im Wald als vergleichsweise gering beurteilt, gerade im Hinblick auf die Milch- und Käseproduktion.

Die Waldweide der Kühe erfolgte wie bei den Ziegen meist unter Aufsicht: Die Hirten waren den ganzen Tag beim Vee. Zu erfahren ist aber auch, dass man die Kühe im Wald manchmal einfach gehen liess, bis man sie nicht mehr hörte.45 Ähnlich heterogen sind die Angaben aus den Wirtschaftsplänen: In Stalden klagte man 1903, durch Beschädigungen der Wurzeln beim Weidgang – dem klassischen Schadensbild des Grossviehs – habe sich der Rotfäulepilz weiter ausgebreitet. Dagegen wird für die Wälder der Geteilschaft Sala­boden (Visperterminen) 1928 festgehalten, der Weidgang des Rindviehs habe nie Schaden angerichet. Im gleichen Jahr bestand aber offenbar Regelungsbedarf. In den burgerlichen Wäldern von Visperterminen wurde die Waldweide der Kühe neu nur noch in den durch Dienstbarkeiten belasteten Wäldern gestattet, in den anderen jedoch strengstens unter­sagt.

Tendenz sich auszubreiten

Zahlreiche Gebiete in den höheren Lagen, wo noch in den 1950er- und 60er-Jahren Wald und Weide ineinander griffen, werden heute sich selber überlassen, mit deutlich sichtbaren Folgen: Der Wald hat ziemlich stark die Tendenz sich auszubreiten. Hinter der zunehmen­den Waldfläche standen zum einen die Aufforstungsbemühungen des Bundes. Noch mehr war dieser Prozess eine Folge struktureller Veränderungen ausserhalb des Waldes. Die Bedeutung der Viehwirtschaft verminderte sich mit der im Tal entstehenden Industrie: Also hier bei uns, in unserem Gebiet war es eindeutig die Lonza; zudem erlaubten die neuen Transportmöglichkeiten, Heu und Kraftfutter von auswärts zu kaufen. Auch gab es eine Verschiebung von den «waldschädigenden» Ziegen zu den Kühen, die sich nun mit dem zunehmenden Wohlstand auch die etwas Ärmeren leisten konnten. Schliesslich ver­längerte ein neues Schulgesetz im Wallis die Schulzeit, so dass es oft nicht mehr möglich war, einen billigen Ziegenhirten zu finden, der vom Mai bis in den Oktober hinein tagtäglich mit seiner Herde auf die Wanderung zog.

Escht abmachen

Zur Ergänzung des knappen Viehfutters nutzte man im vorderen Vispertal bis in die 1970/ 80er-Jahre Futterlaub, wobei dasjenige der Eschen am beliebtesten war-, in der einfachsten Nutzungsform wurde einfach das auf den Boden gefallene Laub zämugrächet. Meistens schlug man aber schon vorher die belaubten Äste ab und machte daraus Bündel, Fäschsche, die man auf der Laube, im Speicher oder auch im Freien trocknen liess, später wurden diese Fäsch­schen entweder direkt den Schafen und Ziegen verfüttert, oder aber man klopfte das getrocknete Laub zuerst ab, verrieb es und vermischte es mit Mäll, Mehl als Futter für das Gross­vieh.

Ähnlich wie das Laub der Eschen wurde auch dasjenige der Birken genutzt. Wenn die Blätter noch frisch waren, ging man die Escht abmachen, band sie zu Bündeln zusammen, die dann zum Trocknen aufgehängt und im Winter den Schafen, Ziegen und Kühen ver­füttert wurden, aus den vom Vieh übriggelassenen Zweigen machten sie nachher Bäsme, Besen um den Schtall zu putzen. Das Birkenlaub gewann man noch in einer zweiten Form. Im Frühling, wenn das Heu knapp wurde, streifte man die Birkenblätter mit den Händen von den Ästen in den Rückentragkorb (Tschiffera) und mischte sie unter das Futter. Ebenfalls in der Tschiffera heimgetragen und dem Schmalvieh, Kleinevieh (Ziegen und Schafe), Schmallvee als Ergänzungsfutter vorgesetzt wurde das frische Rebenlaub, das anfiel, wenn man die Reben auslaubte oder ausbrach (Foltru).

Ausserdem wurde das Chriss einfach so abgerissen, unter das Mäll gemischt und dem Vieh verfüttert. An die Gewinnung von Viehfutter aus Tannenspitzen erinnert man sich im Zusammenhang mit der Heuschreckenplage in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, als das Heu zum grossen Teil von den Heuschrecken (Schtraffla) gefressen worden war. Man ging mit der Rebschere in den Wald und füllte ganze Säcke mit Tanne-Schpitze, wobei die Kühe mit solchem Futter natürlich weniger Milch gaben.

Martin Stuber / Matthias Bürgi: Hüeterbueb und Heitistähl. Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz, 1800 bis 2000. Haupt, Herausgeber: Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung, Zürich, www.bristol-stiftung.ch, Bern, 2011, S.  117 - 122

SV, 9. 4. 21014
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