Waldnutzung

Werchstoff: Schindlä, Werchholz, Züna, Moos

[Werkstoff: Schindeln, Werkholz, Zäune, Moos]

Im vorderen Vispertal werden die Schindeln und Zäune von den Zeitzeugen deutlich weni­ger oft genannt als in den anderen Fallstudien (im vorderen Vispertale wurden die Dächer mit Steinplatten, Chalpertraanerplatte, gedeckt, Anm. die Redaktion, vgl. Dachlandschaften). Ausführlich sind dagegen die Berichte über die vielfältige Verwendung des Mooses, Miesch und vor allem über Gewinnung und Verarbeitung des Werkholzes, was oft nicht durch professionell ausgebildete Handwerker geschah. Viel­mehr gab es in fast jedem Dorf ein paar Leute mit handwerklichem Geschick, die solche Arbeiten im Nebenverdienst erledigten: Sie machten mit dem primitivsten Werkzeug fast unmögliche Sachen. Nicht selten organisierte man sich dabei in Form des Störhand­werks. So erinnert sich ein Zeitzeuge, wie in den frühen 1950er-Jahren bei ihnen zuhause in der Wohnstube ein älterer Mann während zweier Wochen Tschiffere herstellte. Dabei konnte die Entschädigung auch in einer Gegenleistung bestehen: Es hat einer etwas geschreinert und der andere musste mit dem Maultier.

Die Gewährsleute geben an, anders als etwa im Goms oder im Lötschental seien im vor­deren Vispertal kaum Schindeln eingesetzt worden: Nein, hier deckte man überall mit Steinplatten. Ein Zeitzeuge erwähnt als Ausnahmen deren Verwendung bei einem Vordach oder an den Wänden einer Hütte in den Reben, zudem schindelgedeckte Tregg, wo man draussen das Vee tränkte. Andere verlegen die Schindeln in die Vergangenheit, vor langer Zeit, oder bis in die 1940er-Jahre; nachher erfolgte deren Ablösung durch die Blechdächer.

Die Herstellung der Schindeln erfolgte im Winter und wurde von Spezialisten ausgeübt: Normalerweise waren das die Leute, die auch die Tschiffere mach ten. Verwendet wurde Lärchenholz, das gleichzeitig gut spaltbar und widerstandsfähig ist, geeignete Bäume müssen langsam gewachsen sowie nicht dem Wind ausgesetzt gewesen sein und zudem nur wenige Äste aufweisen.

Im Gegensatz zu heute, wo alles eingegattert oder eingezäunt ist, machte man dies früher lange nicht bei allen Nutzflächen. Mit Züü abgesperrt wurden beispielsweise gefährliche Stellen in den Voralpa, um zu verhindern, dass das Vieh abstürzte. Auch sicherte man mit einem Zaun die Abgrenzung der Matten vor dem durchziehenden Vieh, züünet hat man vor allem die Hauptwege. Dazu holte man sich vorzugsweise Lärchenholz, wenn es als Windfall- oder Lawinenholz anfiel. Eine Ausweitung des Zäunens geschah mit dem Aufkommen der Schafe.

Neben den erwähnten Nebenerwerbs-Korbern flochten auch die Väter von mehreren Gewährsleuten selber Rückentragkörbe (Tschiffere). Als Flechtmaterial wurden junge Hasel-, Weiden- oder Birkenzweige verwendet, die man entrindete und durch Einlegen ins Wasser biegsamer machte. Für den Boden brauchten die meisten Birkenholz, einzelne aber auch Eschen- oder Tannenholz. In den Boden steckte man Gert oder Schije, etwas dickere Stämmchen von Haselstauden, die vorher gespalten wurden und durch die man die Zweige flocht. Den Kranz, der oben am Korb für Stabilität sorgt, stellte man aus Birke her.Ein solcher Rückentragkorb hatte eine Lebensdauer von bis zu zehn Jahren, wenn man sorgfältig mit ihm umging.

Für die Zeitzeugen waren die Tschiffere schlicht das wichtigste Transportmittel. Damit holte man Holz für die Küche, gesammeltes Eschenlaub für den Stall und trug den Mist auf die Wiesen. Auch in dieser Hinsicht sind sie inzwischen entbehrlich geworden: Heute haben sie ja Raupenfahrzeuge, um den Mist auszubringen.

Gross war der Bedarf an Rebstecken (Schtichchja). Sie wurden aus Lärchenstämmen hergestellt, die man auf eine Länge von anderthalb Metern zusägte und dann spaltete. Immer supergerades Holz; gar kein krummes, weil man es sonst nicht spalten konnte. Anschliessend wurden die Stickel auf der Werkbank eingespannt, mit dem Zugmesser geglättet (gschnäzzut) und unten, wo man sie einschlug, zugespitzt. Ihre Lebensdauer verlängerte sich, wenn man sie im Herbst aus dem Boden entfernte, da sie sonst faulten.

Auf die gleiche Weise stellte man Schtichchja für die Stangenbohnen her. Heute werden praktisch keine Schtichchja aus Holz mehr verwendet, vielmehr kauft man solche aus Eisen.

Die Angaben der Zeitzeugen zur Verwendung der unterschiedlichen Holzarten im vorderen Vispertal sind ausserordentlich vielfältig. Beim Bauholz, das im Zusammenhang mit unse­rem Thema nur zu streifen ist, wurden im Innenausbau die leicht bearbeitbaren Arven, Föh­ren und Tannen eingesetzt, währenddem man für die wetterausgesetzten Aussenwände und Türen vorzugsweise Lärchen verwendete. Auch in anderen Bereichen, die grösseren Feuchtigkeitsbelastungen ausgesetzt sind, griff man vorzugsweise auf Lärchenholz, Leerchuholz, zurück, so bei Brunnentrögen, Schweinefuttertrögen, Strommasten und Wasserleitungen. Als besonders gut haltbar gilt die Wasuleerch, die freistehend auf der Wiese oder wenigstens am Waldrand wächst, und die wegen ihrer Zähigkeit für die Herstellung von Fässern und Brenten eingesetzt wurde.

Für Möbel wie Kinderbetten und Schränke oder auch für Särge war das Arvenholz ebenso begehrt wie fürs Schnitzen. Die Rechenstiele, Rächo, machte man aus Lärchen- oder Lindenholz, die Zähne dagegen aus dem widerstandsfähigeren Eschenholz, der Grossvater eines Zeitzeugen stellte sie noch selber her, ehe sie später von gekauften lisu-Räche abgelöst wurden. Für die Stiele von Schaufeln, Mist- und Heugabeln nahm man Birke oder Esche, wobei man nach einem gebogenen Exemplar Ausschau hielt. Ebenfalls aus Esche oder Birke wurden die Schlitten, Schlitto,  verfertigt. Wer etwas darauf achtete, machte dagegen bei der Axt (Bieli) den Stiel nicht aus Esche, denn wegen der besonderen Härte dieser Holzart bekam man eben Blasen, sondern wählte den Vogelbeerstrauch, der zwar eine Räntät war, dessen ebenfalls hartes Holz aber viel lieblicher ist. Den Riisbäsme für den Stall stellte man aus Zweigen der Birke her, die im Herbst gewonnen wurden, weil sie dann härter sind-, im Frühjahr sind sie viel zu weich.

Ein weiterer vielfältig eingesetzter Werkstoff aus dem Wald war das Moos, Miesch, wobei die Isolation beim Hausbau der erste Verwendungszweck war. Bevor chemische Produkte wie Schaumgummi zur Verfügung standen, stopfte man Hohlräume in der Hauswand oder in der Zimmerdecke mit Miesch. Moos wurde auch gebraucht, um auf dem Friedhof im Winter die Blumen abzudecken. Eine weitere Verwendung war die Dekoration, so bei kirchlichen Festen wie Weihnachten oder Fronleichnam (Herguntschtag), wobei in letze­rem Fall riesige Altäre mit Moos dekoriert wurden: Es sah schön grün aus. Es war einfach so ein alter Brauch. Bei diesen Feiertagen setzte man zudem Tannenzweige ein. Auch berichtet ein Zeitzeuge, wie er jeweils vor Weihnachten zusammen mit dem Förster und dem Gemeindearbeiter in den Wald ging, um einen Christbaum zu holen.

Martin Stuber / Matthias Bürgi: Hüeterbueb und Heitistähl. Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz, 1800 bis 2000. Haupt, Herausgeber: Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung, Zürich, www.bristol-stiftung.ch, Bern, 2011, S.  136 - 141

SV, 19. 4. 21014
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