Waldnutzung

Wirkstoffa: Harz, Heil und Rüschmittel

[Wirkstoffe: Harz, Heil- und Rauschmittel]

Im vorderen Vispertal waren die wichtigsten Wirkstoffe aus dem Wald die Aschenlauge zum Waschen, die vielfältigen Harznutzungen sowie die zahlreichen Heilpflanzen.

Gemäss den Gewährsleuten wusch man auf der Basis von Löüga mit Äscha ungefähr bis Ende der 1950er-, Anfang 60er-Jahre, bevor dann die ersten Wachmittel wie Persil auf­kamen. Während zwei Zeitzeugen das Waschen mit Aschenlauge noch bei ihrer Mutter mitbekommen, nicht aber selber ausgeübt hatten, sprechen drei Zeitzeuginnen aus eigener Erfahrung.

Die grosse Wäsche, d Wäsch machte man nur ein paar wenige Male im Jahr, wobei sich die Fami­lien untereinander aushalfen und oft ein paar Frauen zusammen wuschen. Nachdem die Wäsche am Vorabend eingeweicht worden war, erledigte man mit Waschbrett und Kernseife die Vorwäsche; wer kein Geld für die Seife besass, benutzte einen Lärchenschwamm. Darauf kam die Wäsche in ein grosses Holzbecken (Bikki). Daneben wurde auf dem Feuer in einem grossen Hafen Wasser erhitzt und darin die Holzasche gesotten, das ergab dann die Lauge. Man verwendete dazu vor allem Asche vom Holz der Laubbäume, namentlich der Eschen und Birken, die übers Jahr hindurch in einem Sack gesammelt worden war. In Säkklini wurde zudem etwas Harz (Päch) beigegeben. Mit dieser Lauge überschüttete man die Wäsche im Bikki, das man mit einem Tuch und einer Schicht Stroh abgedeckt hatte, wodurch die Lauge gesiebt wurde, um alle Unreinheiten zurückzuhalten; im Boden des Bikkis befand sich ein Loch und so konnte die Lauge unten in einem Eimer aufge­fangen werden, nach erneuter Erhitzung wurde sie wiederum ubergschittet; nach mehr­maligem Wiederholen dieses Vorgangs konnte die Wäsche im grossen gezimmerten Trog (Ränne) des Dorfbrunnens ausgewaschen werden.

Harz (Päch) wurde im vorderen Vispertal in den unterschiedlichsten Formen und An­wendungen genutzt. Zum einen suchte man gezielt nach Harz, das ohne menschliche Einwirkung an einem - etwa durch einen Steinschlag - verletzten Baum ausgeflossen war. Dabei wurde das Harz mit einem Messer abgekratzt beziehungsweise mit einem Hammer oder Stein abgeschlagen und in einer Biggsa gesammelt. Eine weitere Form wurde in Privatwäldern bei älteren Arven und Fichten praktiziert. Man schälte ungefähr einen Viertel des Stammumfangs bis auf zwei Meter Höhe ab, was den Harzfluss provozierte, der nach­her leicht abzuschaben war. Eine dritte Methode fand bei den Lärchen Anwendung. Man bohrte ein Loch in den Stamm und schob eine kleine Vorrichtung in das Loch hinein, worauf das langsam heraus fliessende Harz (Leertschina) in einem darunter befestigten Gefäss aufgefangen werden konnte.  Das Lärchenbohren, das sehr intensiv und teilweise pro­fessionell betrieben wurde, hörte schon Anfangs des 20. Jahrhunderts auf. Die Erinnerung ist bei den Zeitzeugen aber durchaus noch vorhanden, indem sie von vergangenen Expor­ten der Leertschina bis nach Italien berichten. Auch der Waldwirtschaftsplan von Zeneg­gen (1929) erinnert noch an die Blüte der Lärchenharznutzung: Das Harz wurde über den Theodulpass ins Aostatal ausgeführt, wo daraus Terpentin hergestellt wurde. Heute hat diese Nebennutzung ganz aufgehört.

Als besondere Art der Harznutzung wird auch die Plünderung der Waldameisen genannt. In ihren grossen Haufen finden sich Kugeln aus Harz, die man herausholte und in der Kirche anstelle von Weihrauch einsetzte. Zu den Harznutzungen kann zudem das Liechtholz gezählt werden. Gewöhnlich stand zu Hause eine Liechtholz-Chischta bereit, so brauchte man kein Papier zum Anfeuern. Man gewann es aus den harzreichen Föhren (Teellu), wobei Bäume mit rotem Holz von trockenen Standorten vorgezogen, solche mit weissem Holz von nassen Standorten vermieden wurden. Genutzt wurde auch der Wurzelstock, in den man Löcher bohrte und diese mit Schwarzpulver füllte: Zack und man jagte ihn in die Luft, anschliessend wurden alle Stücke zusammengesucht und für die Verwendung als Liechtholz allenfalls noch zerkleinert. In Visperterminen gab es einzelne Familien, die Liechtholz in kleinen Mengen an Haushaltungen in Visp verkauften, um zu etwas Geld zu kommen.

Für die Föhren-Wurzelstöcke ist zudem überliefert, dass sie ausgesoffen wurden zur Gewinnung von Harzöl, das man gegen aufgesprungene Hände und zu Verbänden bei Klauenverletzungen des Viehes einsetzte. In diesem (tier-)medizinischen Bereich sind für das vordere Vispertal weitere Anwendungen von Harz zu nennen. Mit dem Weiss­tannenzapfenö, Wiisstannuzapfuell, das besonders in Albisried gewonnen wurde, stellte man Pflaster bei Quetschungen her. Wenn ein frisch geborenes Kälbchen sich am Nabel entzündete, wurde es mit Harz eingerieben. Hatte ein Tier eine eitrige Wunde, band man ein mit Harz bestrichenes Tuch daraUf. Ebenfalls ein Päch-Tüoch verwendete man, wenn ein Schaf oder eine Ziege ein Bein gebrochen hatte. Zusammen mit einer Holzschiene ergab das eine Stabilisierung, die dann hart fast wie ein Gips wurde, und die auch bei den Menschen Anwendung fand.

Verbreitet war der Einsatz von Harz bei den Hausschlachtungen der Schweine. Nach­dem man das Schwein getötet und ihm das Blut abgelassen hatte, legte man es in ein Holzbecken (Müolta). Danach wurde das vorbereitete Harz, das man mit einem Beil fast wie ein grobes Salz zerschlagen hatte, auf das Schwii gestreut oder sogar eingerieben. Im Brenn-Hafo, mit dem auch Schnaps gebrannt wurde, hatte man unterdessen Wasser auf­gekocht, das nun über das Tier geleert wurde, worauf sich das Bäch auflöste. Anschlie­ssend drehte man das Schwein mit einer Kette im harzhaltigen Wasser, worauf sich die Borsten mit einer Chella leicht ablösen liessen. Für ein Tier wurde etwas mehr als eine Handvoll Harz gebraucht, vorzugsweise von der Tanne, währenddem dasjenige von der Lärche für diesen Zweck als weniger geeignet erachtet wurde.

Zahlreiche Gewährsleute erinnern sich schliesslich an das Kauen von Harz: Viele lachen heute, aber wir hatten statt Kaugummi das Päch im Wald. Die einen bevorzugten das Harz der Lärchen oder Arven, die anderen fanden dasjenige der Föhren am geschmack­vollsten. Als Unterschiede zum Kaugummi von heute nennen die Zeitzeugen neben der längeren Kaudauer von einem halben Tag und der fehlenden Süsse vor allem die geringere Dehnbarkeit: Solche Blasen konnte man mit dem nicht machen.

Gegen jede Krankheit irgendeinen Tee gesammelt

Die Zeitzeugen nennen für das vordere Vispertal zahlreiche Pflanzen, die als Zutaten für heilenden Tee gesammelt wurden, so Brennesseln (Nässje), Brombeerblätter, Breemini , Frauen­mänteli, Frowwumantla, Hagebutte, Hälfe Huflattich (Sandmeije), Heidelbeerblätter, Heite, Schafgarbe, Schaafgaarbe,  Silbermänteli, Silbermantla, Spitzwegerich und Thymian, Chella. Hinzu kamen die Lindenblüten – praktisch jeder Familie stand direkt vor dem Haus der entsprechende Baum zur Verfügung. Ein Zeitzeuge holte für sich regelmässig Weidenröschen: Das ist für Männer; für das Wasser ist das gut. Das holte ich ein paar Jahre immer. Aus der Wurzel des Gelben Enzians, Jänzina, Jänzinuschnaps, Jänzinuwurtze, der oben beim Törbelbach zu finden war, machte man einen Tee, der bei kranken Tieren helfen sollte. Vielfältige Verwendung fand Wermut (Wäärmüeta), der als Tee bei Verletzungen aller Art, Blutvergiftung oder Magenschmerzen eingesetzt wurde. Es wird von Frauen be­richtet, die gegen jede Krankheit irgendeinen Tee gesammelt haben. 

Zusätzliche genutzte Heilpflanzen finden sich in Steblers «DieVispertaler Sonnenberge» (1921), zum einen die etwas weniger häufig gesammelten Dost, Edelraute, Fünffingerkraut (Potentilla argentea), Gletscherhahnenfuss, gelbes Labkraut  (Arnica monta­na), Schafgarbe und Thymian; zum anderen die zwei besonders intensiv und kommer­ziell genutzten Heilpflanzen Bärentraube (Garlen) und Isländisch Moos (Dirrigag, Ggragg). In Zeneggen sammelte man vor allem in den Jahren des Ersten Weltkriegs die Blätter der Bärentraube, die sich als niederer Strauch gewöhnlich im lichten Föhren- und Tannenwald findet. Die Stauden wurden mit der Hand ausgerupft und zu Hause im Schatten getrock­net; später wurden die Blätter abgeklopft und dem Zwischenhändler verkauft.

Von Unterbäch lieferte man grosse Mengen von Isländisch Moos als Arzneipflanze nach Zürich-, gemäss der Andeutung eines Zeitzeugen könnte hinter diesem Handel eine An­regung Steblers stehen. Die Flechte kommt besonders in hohen Lagen vor und über­zieht an Nordhängen den Boden mit einer handhohen Schicht. Die Sammler zogen oft schon kurz nach Mitternacht aus, um rechtzeitig in der Höhe zu sein. Am frühen Morgen und im Laufe des Vormittages wurde gesammelt, die Ernte zum Trocknen ausgebreitet, im Laufe des Nachmittags in Säcke verpackt und diese auf Schlitten insTal geschafft. Ein Mann konnte mit zwei bis drei Kindern im Tag auf guten Plätzen für 30 bis 40 Franken Dirrigag sammeln; da das Isländisch Moos rund sieben Jahre braucht, bis es wieder nachgewach­sen ist, waren aber schon zu Steblers Zeiten die besten Lagen bereits ausgebeutel.

Ein Zeitzeuge erzählt, wie der Grossvater, der oft mit Friedrich Gottlieb Stebler zusammen war und mit diesem die Leidenschaft für Botanik teilte, ihm und seinen Geschwistern alle regional vorkommenden Pflanzen mit Namen erklärte. Damit wussten wir alles und um so das erste Geld zu verdienen, haben wir im Wald Chriiter gesammelt, die nach Zofingen an die «Siegfried AG» verkauft werden konnten. Ebenfalls für den Verkauf wurden die Blüten der Alpuroose gesammelt, vorzugsweise durch Kinder so zwischendurch. Die gedörrten Hei­delbeerstauden wurden von Kräuterhändlern aufgekauft. Und auf dem Martinimarkt in Visp verkaufte man gesammelte Frauenmänteli, das war dann das Taschengeld.

Für das vordere Vispertal sind zudem zwei heilende Flüssigkeiten überliefert. Der Saft von Wachholder wurde als Sehnenöl, Seenuell aus Beeren und Zweigspitzen destilliert und äusser­lich angewendet. Die Birken bohrte man im Frühling beim Safttrieb an und band ein Gefäss vor das Bohrloch zum Sammeln des Saftes, der als Blutreinigung mit Milch getrun­ken wurde. Ausserdem wurde Birkensaft, Birchusaft zum Reinigen der Haare verwendet.

Ebenfalls um Wirkstoffe in flüssiger Form ging es bei den genannten Rauschmitteln. Weinersatz stellte man aus Heidelbeeren oder auch aus Berberitzenbeeren (Schwiderbeeri) her. Aus Wilden Kirschen wurde Schnaps gebrannt. Kräuter aus dem Wald oder auch oberhalb der Waldgrenze bis zu den Moränen der Gletscher brauchte man für Chriiterschnaps.

Einzelne Gewährsleute gewinnen bis heute Kräuter im Wald oder auf der Moosalpa oben. Beispielsweise sammelt eine Zeitzeugin immer noch Chriiter für ihre spezielle Teemischung, die für die Tochter in Zürich und den Sohn in Bern bestimmt ist. Dem­gegenüber bedauert ein Zeitzeuge, dass schon seit längerem nur noch wenig Heilpflanzen gesammelt werden, dies sterbe praktisch mit den alten Leuten aus: Die Jungen gehen in die Apotheke.

An dieser Stelle bleibt nachzutragen, dass sich keine Hinweise auf einen Wirkstoff zum Gerben finden liess. Es muss hier offenbleiben, auf welcher Basis man beispielsweise in Törbel Leder gerbte, ist doch hier in verschiedenen Häusern die Lohgerberei nachge­wiesen.

Martin Stuber / Matthias Bürgi: Hüeterbueb und Heitistähl. Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz, 1800 bis 2000. Haupt, Herausgeber: Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung, Zürich, www.bristol-stiftung.ch, Bern, 2011, S.  130 - 134

SV, 18. 4. 21014
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