Auf den Spuren der Walser

Die Wirtschaft der Ostwalser

Die Wirtschaft der Walser.

Ohne intensive Heuwirtschaft und mehrmonatige Stallfütterung wäre das ganzjährige Überleben in den hochgelegenen «Wildnussen» im alten Rätien nicht möglich gewesen. Die ganzjährige Besiedlung durch die Walser  machte erst Sinn, als am Südfuss der Alpen und in Süddeutschland Viehmärkte entstanden waren, die wegen des Bevölkerungswachstums grossen Bedarf an Rindfleisch hatten. Schauplätze solcher Märkte waren etwa Chiavenna und Lugano im Süden, Kempten im Allgäu im Norden. Aber die Walser setzten nicht nur Rinder auf den fernen Märkten ab. Sie besuchten mit ihren Produkten, namentlich Vieh, Butter, Käse und Trockenfleisch auch die lokalen Märkte, wo sie sich aus dem Erlös jene Güter kauften, die sie selber nicht herstellen konnten. Ganz oben stand das für die Viehwirtschaft, die Konservierung von Fleisch und die Herstellung von Käse unentbehrliche Salz. Weiter kauften sie Brotgetreide, Reis, Kastanien, Wein, Eisen und Leder. Auch den Pfeffer der in Walser Lehensverträgen als Zins erwähnt wird, besorgten sie auf den Märkten – durchaus keine abwegige Abgabe, wenn man im Auge behält, dass die Walser im Rheinwald ihren Unterhalt schon früh mit der Säumerei über Splügen und S. Bernardino verdienten. Als 1473 die Via Mala für Wagen und Schlitten passierbar gemacht wurde, brach eine Epoche an, über die Peter Issler in seiner Dissertation «Geschichte der Walserkolonie Rheinwald» (1935), schrieb, «dass sich der Rheinwalder Jahrhunderte hindurch sein Brot mit dem Pferd und nicht mit der Landwirtschaft verdient hat».  

Auch sein wichtigstes Arbeitsgerät, die «moderne» Sense, die es möglich machte, aufrecht stehend in kurzer Zeit grosse Flächen zu mähen, kaufte der Walserbauer auf dem Markt. Als Marktbesucher und Händler vollzogen die Ostwalser schon früh den Wechsel von der Tausch- zur Geldwirtschaft. Letztere schuf die Voraussetzung dafür, dass die Walser die zu Erblehen ausgegebenen Güter den verarmenden, unter der Geldentwertung leidenden, Herren abkaufen konnten.    

Die Höfe der nach Graubünden und Vorarlberg eingewanderten Walser und ihrer Nachkommenschaft waren Einzelhöfe mit geschlossener Flur, denn die Wiesen- und Weidewirtschaft des Viehzüchters und Hirtenbauern verlangte nach einer zusammengefassten Wirtschaftsfläche. Gewirtschaftet wurde dezentral. Zur Einsparung längerer Transportwege lagerte der Walser Bauer das im Sommer auf den Mähwiesen geerntete Heu in den über die Wiesen verstreuten Ausfütterungsställen, die gelegentlich über ein kleines Wohnteil verfügten. Im Winter suchte der Bauer diese Ställe mit dem Vieh auf. War der Heustock im einen verbraucht, zog er zum nächsten. Das Umherziehen mit Vieh und ev. Hausrat hiess in Graubünden stella und roba (= einstellen und umziehen), in Triesenberg nahifaare, im Oberwallis firefare, robe, firustellu und in Lauterbrunnental zigle.

Das Wirtschaftsleben spielte sich, je nach Höhe der Dauersiedlung, auf einer oder mehreren Stufen ab: Einstufig wird auf in die Alpregion vorgeschobenen Siedlungen gewirtschaftet, zweistufig dort, wo die Alpen oberhalb der Heimgüter liegen, und dreistufig, wo sich wegen grosser vertikaler Distanz die Maiensässzone einschiebt.

Die alten landwirtschaftlichen Strukturen sind verschwunden. Durch den Einsatz neuer Techniken wurde der Familienbetrieb zum Einmann-Betrieb und die Wirtschaft zentralisiert: Voll mechanisierte Ladewagen bringen das Heu zur Stallscheune, die an Grösse die alten Bauten um ein Mehrfaches übertrifft, oder das Gras wird in Siloballen gelagert. Auch vor der Alpwirtschaft machte die moderne Zeit nicht Halt. Die Einzelsennerei, bei welcher der Bauer oder die Bäuerin das Sennereigeschäft in der eigenen Sennereihütte betrieb, wurde durch den modernen Alpbetrieb abgelöst, bei welchem sich spezialisiertes Personal um das Vieh und die Milchverarbeitung kümmert.

Auswanderung

Als der Boden mit der Ausbreitung der Walser im ehemals rätischen Osten knapp und knapper wurde, bot sich als Ausweg die saisonale oder endgültige Auswanderung an. Bündner Walser standen als Söldner in fremden Diensten, lebten als Handwerker, Zuckerbäcker, Konditoren und Wirte über ganz Europa verstreut, andere wurden Farmer in Übersee. Männer aus dem liechtensteinischen Triesenberg und dem Vorarlberg hielten sich als Gipser, Steinhauer, Baumeister, Maurer und Handlanger in der Westschweiz und in Frankreich auf, andere zogen nach Amerika. In katholischen Gebieten, namentlich im Bündner Oberland, im Vorarlberg und in Galtür spielte im 19. und 20. Jahrhundert die Schwabengängerei eine wichtige Rolle. Aus dem walserischen Vals zogen jährlich 40-60 Kinder von 8 bis 15 Jahren nach Süddeutschland, um sich dort für alle Arbeiten in Haus, Garten und Feld zu verdingen. Neben einem kleinen Barlohn von 10 bis 50 deutschen Mark erhielten die Buben 1 Sonntagskleid, 1 Werktagskleid, 1 Paar Rohrstiefel, 2 Hemden, 1 Hut mit Gamsbart; die Mädchen 2 Kleider, 2 Blusen, 2 Paar Socken, 1 Paar Stiefel, gelegentlich noch ein Halstuch.

Die Kinder waren den Sommer über, wie es im Montafon hiess, «aus der Schüssel».

VS, 21.9.11
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