Auf den Spuren der Walser

Walser in ihrer neuen Umwelt

Walser und Romanen

Weil die den Walsern überlassenen Gebiete schon von Alteingesessenen temporär genutzt, wenn nicht dauernd bewohnt waren, liessen Streitigkeiten meist nicht lange auf sich warten. Schon die Ansiedlungspolitik der Vazer, die darauf abzielte, mit walserischen Neusiedlungen – mitten im bischöflichen Gebiet – ein Netz von Stützpunkten aufzuziehen, hat sicher nicht zu einem gutnachbarlichen Verhältnis zwischen Rätoromanen und Walsern beigetragen. So berichtet der Klagerodel der Churer Kirche aus der Zeit um 1314, dass die zu Kriegsdiensten verpflichteten Walser aus dem Rheinwald, aus Davos und Safien auf Seiten der Vazer in den Fehden gegen den Bischof von Chur teilgenommen hätten. Während der Auseinandersetzungen raubten sie den Rätoromanen Vieh, Korn, Heu und Käse, brachen deren Keller und Speicher auf und verwüsteten ihre Wiesen, Äcker und Felder. Häufig kam es zu Auseinandersetzungen, weil die Walser mehr Vieh auf ihren Höfen hielten und auf die Weide trieben, als sie überwintern konnten und dadurch die Weiden der Nachbarn beanspruchten. Am schönen Bild von der «friedlichen Eroberung mit Axt und Sense» müssen also Abstiche gemacht werden.

Hier länger, dort kürzer, wurden die Walser von den alteingesessenen Rätoromanen für «herkommen lüt», «Neulinge», «Fahrende», «Wilde», ja gar für «Barbaren» gehalten. Das dürfte zwei Gründe gehabt haben:

  • die Walser hoben sich im Wissen um ihr besseres Recht selbstbewusst von den meisten, schlechter gestellten rätoromanischen Nachbarn ab, und
  • die Rätoromanen schauten misstrauisch und sicher nicht ganz ohne Neid auf die Eingewanderten, denen von seiten der Herren günstige Bedingungen eingeräumt worden waren.

Doch die Spannungen legten sich allmählich und die Walsergemeinden spielten eine aktive Rolle beim Aufstieg vom Feudalismus zur rätischen Demokratie. Gemeinsam setzten sich beide Bevölkerungsgruppen für die Belange der Landespolitik und die Landeskultur ein.

Walser als Bündnispartner

Autonome Walsergemeinden wählten nicht nur Ammann und Richter, sondern begannen sofort, politisch ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Schon 1360 gingen Rheinwalder und Safier ein Bündnis mit den rätischen Freiherren von Rhäzüns, Belmont und Montalt ein, welches gegen die Grafen von Werdenberg-Sargans, die rechtmässigen Rheinwalder und Safier Landesherren gerichtet war. Es war das erste Bündnis, an dem selbständige rätische Gemeinden teilhatten. 1424 erscheint die Landschaft Rheinwald als Bündnispartnerin im Grauen Bund, welcher auf die Erhaltung des Friedens abzielte.

Davos, die andere Bündner Walser-Stammkolonie, schloss sich 1436 mit den Gerichtsgemeinden in der Bündner Herrschaft, dem Prättigau, Belfort im Albulatal, dem Churwaldnertal und dem Schanfigg zum Zehngerichtebund zusammen. Es war der erste rätische Bund, der ohne  Teilnahme irgendwelcher Herren gegründet wurde. Das Bündnis zielte auf die Erhaltung der je eigenen Gerichtsorganisation bei Herrschaftswechseln ab. Davos, das die führende Rolle spielte, erhielt im Gründungsdokument das Vorrecht des Tagungsortes und besetzte, ohne bundesbriefliche Ermächtigung, die Ämter des Bundeslandammanns, des Bundesschreibers, und des Bundesweibels. Zudem war Davos im Besitz des Bundesarchivs und des Banners. Im 17. Jahrhundert kam es zum Streit im Zehngerichtebund, da die übrigen Gerichte die dominierende Stellung von Davos nicht mehr hinnehmen wollten.

Die stark ausgebaute Selbstverwaltung der Kommune seit dem 13./14. Jahrhundert und die Rolle der Landschaft Davos als Vorort des Zehngerichtebundes zeigen die Bedeutung der Landschaft Davos innerhalb des Freistaates Gemeiner Drei Bünden. Da Freiheit weitgehend mit Gemeindefreiheit identisch war, sind die von der Herrschaft respektierten Freiheiten nicht mit den Individualrechten der aufgeklärten Demokratie gleichzusetzen, wenn auch das Mitwirkungsrecht des Einzelnen in den kleinen Kommunen der Drei Bünden – ähnlich wie in der alten Eidgenossenschaft – wesentlich weiter ging als in den Monarchien, Fürstentümern und Stadtrepubliken Europas.        

VS, 21.9.11
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